Besucher auf der „Premium“ in der Station in Berlin am Gleisdreieck. Foto: Lena Wunderlich

Eine spannende Berlin Fashion Week geht zu Ende. Die Highlights aus meiner Sicht – und die Ausblicke auf die Trends und Herausforderungen für 2018.

Drei Tage Berlin Fashion Week konnte ich dieses Jahr mitmachen, am Mittwoch ist die modische Woche leider für mich schon wieder zu Ende gegangen. Dann muss ich meine Brötchen mit anderer Arbeit verdienen. Aber die drei Tage haben sich gelohnt. Hier mein Rückblick:

Montag: ZEITmagazin-VOGUE-Konferenz

Die ZEITmagazin-VOGUE-Konferenz The Relevance of Fashion im Kronprinzenpaläis hat die Berlin Fashion Week auf hohem Niveau eingeleitet. Vor allem die Key Note von ZEIT-Journalist Tillmann Prüfer hat sich gelohnt: Kluge Gedanken gab er den anwesenden Gästen mit auf den Weg. Zum Beispiel, dass die Mode weniger Limited Editions braucht, dass die Influencer nicht böse sind (meine Rede). Und dass es wieder mehr Richtung Qualität und Kontinuität gehen muss.

Wer keine der limitierten Einladungen erhalten hat, konnte unter dem Hashtag zeitmagazinvogue die Konferenz auch per Twitter und auf Facebook im Live-Stream verfolgen. Hier der Link. Ich bedaure, dass Tillmann Prüfer nicht selbst mehr auf Twitter und Instagram unterwegs ist. Wer so viel Gutes zu sagen und so eine einflussreiche Stelle als Stil-Redakteur bei der ZEIT hat, sollte „omni-channel“ auch selber leben. Hier meine Lieblingszitate von ihm:

Mode ist nicht einfach „schöne Sachen anziehen“. Mode ist Dialog der Gesellschaft.

Und dann hat er ebenfalls den Managern noch ein schönes Zitat mit auf den Weg gegeben:

Mode-Labels brauchen Manager, die einen Unterschied darin sehen, ob sie ein Kleid vermarkten oder einen Becher Joghurt.

Bleibt zu hoffen, dass die Vogue Chefin Christiane Arp mit ihrem tollen Statement Recht behält: Berlin wird wieder zum Fashion-Epizentrum des Landes aufsteigen. Für mich ist das keine Frage. Berlin ist Hauptstadt der Kreativität. Und wie bei der Gentrifizierung wird das Geld dem Künstlertum folgen.

Dienstag: FashionTech im Kraftwerk

Geld ist in der Mode-Branche ohnehin gerade ein heikles Thema. Drei Zahlen schweben wie ein Damokles-Schwert derzeit über der Branche und beschweren die Aussicht wie die Januar-Schneeflocken die Outfits der Fashion-Week-Besucher:

  • Minus 2 Prozent: So stark sanken die Umsätze des stationären Modehandels im  Modejahr 2017. „Die Gewichte-Verschiebung in die digitalen Kanäle geht weiter“, sagt Michael Werner, Chefredakteur der Branchenzeitung TextilWirtschaft.
  • Maximal 10 Prozent: So viel Umsatz machen Omnichannel-Brands, wenn es gut läuft, mit ihren Online-Shops gemessen am Gesamtumsatz, Zitat eines der Großen im Multibrand-Handel. Das schmerzt, weil auch ein Online-Shop keine günstige Angelegenheit ist und die reinen Online-Shops auf alle Druck machen.
  • 30 Prozent: So viel Ware ist derzeit zu viel auf dem Markt. Wird nicht verkauft, informierte kürzlich der Industrieverband German Fashion. Macht allen Probleme. Und wo landet sie dann?
Auf der FashionTech im Kraftwerk Mitte. Was hier so nach Folklore aussieht, sind innovative Zukunftsprojekte von Modeschülerinnen. Foto: Jörg Oberwittler

Die FashionTech bietet hier spannende Zukunftsprojekte. Leider vieles noch zu sehr in den Kinderschuhen. Zum Beispiel Swim Wear aus dem Material von recycelten Plastikflaschen. Eine tolle Sache, wo doch so viele Urlauber beklagen, dass sie am Strand mittlerweile haufenweise durch Plastik schwimmen. Männer-Badehosen gibt es leider noch nicht. Dafür jede Menge Alternativen zu Leder, die umweltfreundlich und -schonend sind. Zum Beispiel Labels, die aus alten Lederjacken neue machen und upcyceln. Hier habe ich das dänische Label Better World Fashion kennen gelernt. Hier kann man auch seine alten Lederjacken abgeben und damit günstiger neue bekommen. Oder auf Festivals einen Schnappschuss als Souvenir ins Innenfutter einnähen lassen.

Oder zum Beispiel Taschen aus Ananas-Pflanzen. Fühlt sich natürlich nicht so an wie Leder, wäre aber gerade für Dritte-Welt- und Schwellenländer wie Brasilien eine gewinnbringende zusätzliche Einnahmequelle.

Parallel zur FashionTech präsentierte sich auch die Grüne Mode im Erdgeschoss. Darunter ebenfalls Outdoor-Marken. Sie zeigen auf schöne Weise, wie auch die Outdoor-Branche neue umweltfreundliche Wege geht: Regenjacken, die auf Imprägnierungen und Polyester so weit wie möglich verzichten. Fleecejacken, die nicht aus Polyester, sondern aus Holzpellets gemacht sind. Doch erfahren habe ich auch, dass etliche Outdoor-Marken angeblich leider so weitermachen wie bisher. Das liege vor allem an den US-Amerikanern, die noch nicht so ein starkes Umweltschutz-Bewusstsein haben wie wir Europäer. Ich werde dem dieses Jahr weiter nachgehen.

Mittwoch: PREMIUM Station Berlin

Großer Andrang auf der Premium am Mittwoch, wo sich die namhaften Marken präsentieren. Bei kräftigem Schneeregen schoben sich die Mengen durch die Messehallen. Mich hat besonders der Athleisure-Trend interessiert, der laut Mode-Experten ja 2018 ein so starker Trend ist. Den witzigerweise aber niemand gleich ausspricht ;-). Korrekt ist: ein lockeres „ä“ in der Mitte: At-läsur. Die US-Amerikaner sprechen stattdessen ein langes „iiii“.

Vor diesem trendigen Hintergrund hat mich überrascht, wie wenig Platz die Premium diesem Thema eingeräumt hat. Eine Mini-Halle war mit Athleisure-Wear bestückt – davon die meisten Labels leider ausschließlich mit Frauenmode, obwohl die Vermischung von Sport- und Alltagskleidung auch Männern so hervorragend steht.

Wie gut Männer Athleisure tragen können, hat der Gründer Rafy Ahmed des Stuttgarter Labels Morotai mir vorgeführt. Der ein oder andere kennt ihn aus der VOX-Serie „Die Höhle der Löwen“. Das Berliner Label Arys, das Fusion Wear macht und sich dafür auch an Weltraum-Technologie bedient, habe ich ebenfalls aufgetan und werde dies gern dieses Jahr in meiner Rubrik Made in Berlin vorstellen.

In der Halle für Herrenmode hat mich das Thema Socken angesprochen. Happy Socks waren die ersten, die den Markt für bunte Herrensocken auf dem europäischen Festland salonfähig gemacht haben. Die sympathischen Jungs von DillySocks aus der Schweiz sehen den Markt inzwischen reif für „die Masse“ und wollen jetzt auch Deutschland und Österreich erobern. Hierzulande gibt es natürlich ebenfalls aufstrebende Brands, zum Beispiel Jungfeld aus Mannheim (leider weniger sympathisch). Es ist und bleibt ein schwieriger Markt, die deutschen Männer für bunte Socken zu begeistern. Ich selbst entdecke hier gerade bei Geschäftsleuten und älteren Herren wenig Mut an den „Fesseln“.

Witzige Pointe zum Schluss

Auf der Rückfahrt dann in der U-Bahn plötzlich Fahrkarten-Kontrolle. Nette Anekdote zum Schluss: Der Mann nebenmir hob lässig seine brandneuen BVG-Sneakers aus der Adidas-Tüte. Er hatte eines der auf 500 Exemplare limitierten Exemplare ergattert. „Das werde ich aber nie anziehen“, sagte er mir im Small-Talk zwischen den Haltestellen.

Und ich verließ die U-Bahn mit der Frage im Kopf, ob das der Sinn und Zweck von Mode ist…