Was sind die Trends in der Männermode für Herbst/Winter 2019/20? Wohin gehen die Innovationen bei der Mode und ihrer Herstellung? Style Statements war für euch unterwegs auf der FashionTech 2019 – die Messe für Innovation und Nachhaltigkeit im Kraftwerk in Berlin-Mitte. Von Leder-Rucksäcken, die mal Autositze waren. Von Badehosen, die mal als Plastikflaschen im Meer schwammen. Und von einer YouTuberin, die es innerhalb von nur drei Jahren von 0 auf 500.000 Abonnenten geschafft hat.

Diese Berlin Fashion Week 2019 beginnen wir mit der Zukunft – und mit einer Frau: Justine Leconte ist eine YouTuberin, die mich persönlich sehr beeindruckt. Schon lange steht sie auf meiner Liste potenzieller Interview-Partner. Denn die in Berlin beheimatete Designerin hat geschafft, wovon wohl alle Blogger träumen: von 0 auf 500.000 in nur drei Jahren. „Und das komplett alles organisch“, sprich ohne jegliche Werbung, wie sie in ihrer Key-Note auf der Bühne der FashionTech 2019 – korrekt laut Veranstalter #FASHIONTECH – im Kraftwerk in Berlin-Mitte am Dienstag betonte.

Berlin Fashion Week 2019
Foto: JO

Justine Leconte strahlte auf der Bühne – und war ein leuchtendes Beispiel, welchen Erfolg man als Anfängerin der Modebranche haben kann. Die gebürtige Französin ist im Grunde eine Quer-Einsteigerin: Sie hat vorher in der Tech- und Kosmetik-Branche gearbeitet, dann den Entschluss gefasst Modedesign in New York zu studieren. Damit wollte sie ein Label gründen – und prallte bei allen Einkäufern ab:

Es war wie eine große Wand, über die ich nicht kommen konnte.

Denn sie hatte nicht genug Geld für größere Ausgaben, keine Show auf einer Fashion Week, kein Netzwerk. So kam als Antwort all zu oft: “Kein Interesse.”

Über YouTube direkter Kunden-Dialog

Folglich musste es Justine selbst schaffen – sie verzagte nicht, sondern wählte den direkten Weg zu ihren Kunden: die größte Videoplattform der Welt YouTube. Bereits einer ihrer fünf Erfolgstipps, die sie auf der FashionTech bereitwillig verriet:

  1. Sprich direkt mit deinen Kunden: “Das sind die einzigen Leute, die du überzeugen musst.”
  2. Was macht dich relevant? Was kannst du beisteuern? Was kannst du besonders gut? Damit meint Justine Leconte: Finde deine Nische.
  3. Nutze Abkürzungen und setze auf den Schnellball-Effekt: So biete zum Beispiel die Bilder-Plattform Pinterest noch viel Entwicklungspotenzial für Marken, während Facebook ja bekanntlich bereist abgegrast ist.
  4. Beauftrage Leute, die gut mit dem Internet sind: Man müsse nicht alles allein schaffen. Will heißen: Wer keinen Webshop programmieren kann, beauftragt schlicht einen Programmierer.
  5. Warte nicht:

“Es ist einfacher dran zu bleiben als aufzuspringen. Hauptsache du startest.”

Ihre eigene Marke, die sie gezielt zwischen teurer Designer-Ware und billiger Fast-Fashion platziert hat, steckt noch noch in den Kinderschuhen. “Ich mache Qualität, halte aber den Preis im grünen Bereich.”

Auf ihrem YouTube-Kanal gibt sie wertvolle Styling-Tipps. Sehr authentisch, sympathisch und mit klar erkennbarem handwerklichen Wissen, wie ich finde. Den YouTube-Claim “Broadcast yourself” hat sie zu ihrem Lebensmotto gemacht. Wirklich inspirierend. Früher kam 65 Prozent ihres Website-Traffics von YouTube – heute sind es nur noch 16 Prozent. 16 Prozent, die ihr zeigen: jetzt hat sie ihren von YouTube unabhängigen Erfolg geschafft.

Umweltschutz nicht mit Füßen treten

Noch nicht ganz geschafft hat es die Turnschuh-Industrie wirklich zum Kreislauf-System (cradle-to-cradle) zu werden. Bislang heißt es immer noch statt von “der Wiege zur Wiege” eher “von der Wiege zur Bahre” für Turnschuhe.

Fashiontech 2019
FashionTech im Obergeschoss. Hier zeigten vor allem B2B-Firmen ihre Produkte. Foto: Messe Frankfurt GmbH

Gut, einmal wiederbelebt werden dürfen sie noch und werden dann neue Turnschuhe oder Untergründe aus Plastik für Spielgeräte auf Kinder-Spielplätzen, wie ich vergangenes Jahr auf der FashionTech erfahren hatte (hier mein Bericht).

Moderne Turnschuhe bestehen mittlerweile aus Holz, genauer gesagt das Garn für den Stoff. Tencel heißt das Produkt der Firma Lenzel, das auf Basis von Lyocell (Tenzel ist ein company name hierfür) basiert. Hierzu findest du mehr in meinem Blog-Beitrag Materialkunde für Männer.

Dadurch sind solche Sneaker besser kompostierbar als reguläre Turnschuhe. Zwar nicht das beste Ende, aberhin schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. “Durch ein spezielles 3D-Knitting fällt zudem in der Produktion weniger Überschuss an”, informiert eine Mitarbeiterin der Firma sourcebook auf der Messe. Zudem werde ein solcher Schuh nur auf Bestellung produziert, was die Überproduktion zusätzlich verhindert. Und die Sohle bestehe wiederum aus Industrie-Abfällen.

Recyceltes Polyester aus Russland

Sogar recycelbare Polyester-Fasern zeigte ein Unternehmen aus Russland auf der FashionTech. Ich führe das an dieser Stelle nicht weiter aus, weil Polyester für mich nicht der Schritt in die richtige Richtung ist, sondern die Besinnung auf natürliche Materialien den besseren Schritt darstellt.

Das bestätigte auch ein Sprecher des WWF, der ebenfalls auf der FashionTech mit einem Stand vertreten war. Denn letztlich sind es feinste Polyester-Plastikpartikel, die beim Waschen ins Wasser übergehen, im Meer landen, in die Fische kommen – und damit letztlich auch in uns schlummern.

Forscher der Uni Wien haben bereits Mikroplastik-Partikel bei Studien-Teilnehmern im Darm nachgewiesen.

Überraschender Fakt: Die USA sind mit ihrer Recyclingquote von Textilien bereits weiter als wir Europäer. Laut WWF seien bereits 15 Prozent der US-amerikanischen Textilien aus Recycling-Ware. Zum Vergleich: In Europa sind es nur 1 Prozent. Die durchschnittliche Lebensdauer eines Kleidungsstücks liegt übrigens bei 2,2 Jahren, informiert der britische Guardian.

Warum stammen nur 1 Prozent unserer Textilien hierzulande aus recycelten Textilien? Die Gründe hierfür kamen zum Beispiel im “Silent Forum” zu Wort. Per Kopfhörer lauschten die Anwesenden den bei normaler Lautstärke sprechenden Podiumsgästen, die als Gründe nicht nur das Unwissen der Kunden, sondern vor allem auch der Designer ansprachen, wo Garne herkommen und wie sie recycelbar wären.

Für uns Kunden gibt es übrigens den Fair Fashion Guide “Buy good stuff” von Mode-Studierenden der AMD. Es ist der erste Guide der AMD für Berlin, weitere Ausgaben gibt es bereits für Köln und Düsseldorf, sagt eine Sprecherin am Stand und verweist zusätzlich auf den brandneuen Studiengang  Sustaina­bi­li­ty­ in ­Fa­shion an­d ­Crea­ti­ve­ ­In­dus­tries der AMD.

Badehosen aus recyceltem Plastik

Während die einen diskutieren, haben die anderen längst gehandelt: Im Erdgeschoss des Kraftwerks zeigten Grüne-Mode-Labels auf der Neonyt, wie Nachhaltigkeit aussieht. Zum Beispiel die britische Marke Bluebuck, die Bademode und Unterwäsche für Männer aus recycelten Materialien anbietet.

Berlin Fashion Week 2019
Foto: bluebock

Blue steht für die Lieblingsfarbe vieler Männer und “bock” für den Springbock. Designer Pierre David aus London kann das Klischee nicht bestätigen, dass Männer höchstens einmal im Jahr eine neue Unterhose kaufen (mehr dazu hier in meinem Unterhose-Guide, den ich für das Magazin ICONIST geschrieben habe). Er habe viele Stammkunden, die regelmäßig kaufen.

Das Material seiner Badehosen kommt aus Spanien, von Plastikflaschen, die spanische Fischer aus dem Wasser gezogen haben. Auch Berliner können die wirklich stylishen Badehosen im Web-Shop kaufen. Ich lege euch den Besuch des Webshops hier ans Herz (dieser ist sogar auf Deutsch): www.bluebuck.net.

Rucksäcke aus Auto-Ledersitzen

Ein weiteres spannendes Upcycling kommt zwei Gänge weiter aus Süd-Korea. Erst ein Jahr ist das Label mit dem kreativen Namen Continew am Markt (ein Neologismus aus “continue” und “new”), kann sich aber bereits über viel Interesse erfreuen. Am Stand hängen diverse Zeitungsartikel an der Säule aus allen Teilen der Welt. Die Artikel auf Englisch, Spanisch und Französisch machen Gründer Ian Choi aus Süd-Korea sichtlich stolz.

Berlin Fashion Week 2019
Neonyt im Erdgeschoss: die neue Messe präsentiert grüne Mode. Foto: JO

“Wir sind die Nummer Eins der Upcycling-Fashion in Süd-Korea”, sagt er und erklärt sich die gewaltige Presse-Resonanz mit der findigen Geschäftsidee: Aus alten Auto-Ledersitzen werden neue Taschen und Rucksäcke aus Leder.

“Wir sammeln nutzlose Sachen und machen sie zu etwas nutzwertigen.”

Zum zweiten Mal ist Ian Choi in Berlin und plant hier, im September einen Laden zu eröffnen. In der Autofahrer-Nation Deutschland ergibt das durchaus Sinn. Doch bisher habe noch keine deutsche Automarke angebissen, altes Leder fürs Upcycling zu verkaufen. Dabei stünde ein solches Prestige-Projekt in punkto Nachhaltigkeit der durch die Diesel-Affäre gebeutelten Auto-Industrie mehr als gut. Ich drücke die Daumen und verweise bis zur Shop-Eröffnung ebenfalls auf den Web-Shop.

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