Wer sich für Männer mit Stil interessiert, kommt um diese Frau nicht herum: Ilaria Urbinati stylt die Hollywood-Schauspieler der A-Liga. Bradley Cooper, Rami Malek, Ben Affleck, Tom Hiddleston und Armie Hammer schwören auf ihre Looks. Was ist das Erfolgsgeheimnis der 40-Jährigen? Welche Tricks verrät sie in Interviews, wie auch wir unseren Style in die A-Liga bringen können? Style Statement hat recherchiert – und ist dabei immer wieder auf einen Begriff gestoßen: flawless.

Wenn Chris Evans („Captain America“) zu einer Styling-Sitzung mit Ilaria Urbinati kommt, läuft das so ab: Es hängen keine 30 Anzüge für den Hollywood-Star auf der Kleiderstange bereit, sondern ein einziger. Mehr nicht. Den probiert er an. Eventuell folgen noch ein paar Anpassungen im Detail. Für mehr hat der viel gefragte Schauspieler in der award season keine Zeit. Umso mehr muss Ilaria Urbinati sich vorbereiten. Sie kennt jedes Mode-Haus, jede Kollektion. Jede! Es ist eine Menge Recherche nötig, damit Chris Evans gleich den perfekten Anzug vorfindet, reinschlüpft und sein bekanntes breites Lächeln dem Spiegel zuwirft. Auf dem roten Teppich sieht das dann so aus:

 

 
 
 
 
 
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Two more days till Oscars… some FBF of looks I styled on Chris for oscars past #blueisthewarmestcolour💙 (custom @ferragamo for both)

Ein Beitrag geteilt von Ilaria Urbinati (@ilariaurbinati) am

 

Illaria Urbinati steckt Chris Evans gern in figurbetonte königsblaue Anzüge oder Samt-Sakkos in Pastelltönen. Dazu eine schlichte schwarze Hose und Fliege sowie eine klassische Uhr. Was bei manchen Männern „so gay“ schreit – wirkt bei Chris Evans elegant, stilsicher und einzigartig. Kurz: flawless (zu Deutsch: fehlerlos, perfekt, makellos). In Interviews verrät Ilaria Urbinati, Tochter italienischer Einwanderer in die USA, was dahinter steckt.

„Für die Award-Shows ist jeder Anzug eine Maßanfertigung. Ich gehe zu den Marken und sage ihnen, was ich mir vorstelle. Dann zeichnen sie Sketche und wir suchen die Stoffe aus.“ Zusätzlich hat sie immer einen Plan B, falls das Outfit nicht wie gedacht funktioniert. Auch Männern, die nicht über den roten Teppich gehen müssen, empfiehlt sie:

„Ich rate jedem, auf einen guten Schnitt zu achten. Eine Sache muss man akzeptieren: Wenn es gut aussehen soll, ist es nicht so bequem.“

Das erinnert stark an Anna dello Russos bekanntes Fashion-Statement: „If you’re not uncomfortable, you’ll never get the look.” Was die Hollywood-Stylistin damit meint, erklärt sie ebenfalls später im Interview:

„Ich kleide einen neuen Kunden erst einmal eine Größe kleiner als er es gewohnt ist. Das sieht einfach besser aus als der Schlabberlook.“

Ein guter Schnitt – auf deinen Körper angepasst – und etwas Unbequemlichkeit gehören folglich zum Flawless-Look dazu. Für alle Männer, die jetzt wegklicken wollen, weil sie an ihrem Schlabberlook festhalten möchten, sei gesagt:

„Looks matter if it matters how you look.“

Der Satz stammt nicht von mir, sondern ebenfalls von Ilaria Urbinati; diesen Satz sagt sie jedem Mann, der sich im Styling weigert, noch 30 Teile mehr anzuziehen. Übersetzt heißt das für uns: Du kannst an deinem Schlabberlook festhalten, wenn es wirklich egal ist, wie du herumläufst. Du solltest deinen Schlabberlook überdenken, wenn andere sehr darauf achten, was du trägst.

Ilaria Urbinati
Foto: Unsplash Clem Onojeghuo

Vorgesetzte, Geschäftsmänner, Männer im öffentlichen Leben – sie alle können es sich immer weniger erlauben, NICHT auf ihren Look zu achten. Ich kenne einen Geschäftsmann, der seinen Kleiderschrank nach seinen Kunden sortiert. Für den Aktienkonzern ist es die 10.000-Euro-Uhr, weil alle Vorstände sie tragen – für die Pflegeheim-Gesellschaft kostet kein Accessoire mehr als 100 Euro, weil das Compliance derlei zur Schau gestellten Luxus strengstens untersagt. Das muss man wissen, sonst ist der Kundentermin im Grunde vorbei, bevor er angefangen hat. Ich möchte die Regel von Ilaria Urbanti daher ergänzen:

Sei immer auf Augenhöhe mit deinen Kunden angezogen. Sei immer gut vorbereitet und unterstütze somit deine Botschaften und deine Haltung mit deiner Kleidung.

Es macht vieles einfacher, selbst in einem Sakko auf einem Business-Termin zu sitzen und sich damit noch besser auf einer Ebene mit Geschäftskunden bewegen zu können. Das klingt jetzt sehr nach Pflicht-Termin, dabei soll Mode auch Spaß machen. Noch mal Ilaria Urbinati hierzu:

„Men’s styling has come such a long way. Guys understand now, more than ever, that fashion does matter, and it can be really fun. They get into it, and they start to see that it doesn’t have to be serious or scary or obnoxious (arrogant).“

Rami Malek, ebenfalls ihr Kunde, setzt das am besten um. Der Spaß an der Mode ist dem Schauspieler („Bohemian Rhapsody“) immer anzusehen:

View this post on Instagram

More past MET looks. Rami x @Dior + @YSL

A post shared by Ilaria Urbinati (@ilariaurbinati) on

Der Look ganz in Rot (Dior) mit klobigen Lackschuhen und einer schwarzen Stoffblume am Revers ist selbst für die MET-Gala etwas Besonderes. Auch die rot-schwarz-gestreiften Cowboystiefel zum schwarzen Anzug und Schimmer-Hemd veranschaulichen seinen Spaß an Mode. Rafik Mali wäre ein eigenes Style Stalking wert und hierbei ist wichtig einzustreuen, dass Ilaria Urbanti keineswegs allen Stars ihren Style einfach aufzwängt, sondern sich jeder Style unterscheidet. Bei Rafik ist es der Mut zur Farbe, bei Tom Hiddleston klassisches britisches Tailoring, bei John Krasinksi ein sehr zurückgenommener Stil:

 

 

Ilaria Urbanti möchte stets, dass ihre Stars positiv herausstechen aus der Menge auf dem Roten Teppich, „aber nicht wie Clowns aussehen. Es muss mühelos sein.“ Falle also etwas aus dem Rahmen – ohne zu übertreiben. Ziehe dich stilvoll an – ohne zu gewollt auszusehen. Ich finde, das klappt zum Beispiel immer mit Kontrasten gut. Ich habe mir aus Italien ein Doppelreiher-Sakko in Navyblau bestellt und trage es gern mit einem Einstecktuch. Dazu wähle ich oft weiße Sneaker, die den eleganten Look brechen und sportlicher machen. Das passt sehr gut zu Berlin – wo auf der Straße außer mir selten jemand ein Doppelreiher-Sakko trägt. Alles andere wäre also nicht mühelos, sondern würde aus dem Rahmen fallen. Mit Mühelos verbinde ich folglich einen lässigen Look, der stets zum Anlass passt, die Regeln kennt, diese aber auch bricht und dem Outfit damit das gewisse Extra – das berühmte „je ne sais quoi“ – gibt. Accessoires schaffen das zum Beispiel sehr gut: die lässigen Armbänder aus dem Mittelmeer-Urlaub, das besondere Vintage-Einstecktuch oder ein spannender Ring. Weil so viele Männer so wenig Wert auf solche Details legen, ist es so einfach, mit ihnen aufzufallen und tatsächlich mühelos auszusehen.

„Man will nie nach Aufmerksamkeit schreien, sondern etwas schaffen, das einzigartig und kreativ ist und dem Charakter der Person entspricht.“

Der Trick zur Mühelosigkeit steckt nicht nur in den Accessoires, sondern auch in den besonderen Stoffen und Farben. Sind diese in stets klassischen Formen gehalten, aber ein raffiniertes Spiel mit Materialien, Farben und Stoffen – wirkt es laut Ilaria Urbinati: mühelos. Flawless. Siehe das Samtsakko von Chris Evans. Der Stoff, die Farbe!

Ihre Inspirationen findet Ilaria Urbinati nicht nur in den Kollektionen der großen Modehäuser, sondern, wie alle guten Designer und Stylisten, in der Populärkultur: Sie bekennt sich dazu, ein regelrechter Film-Junkie zu sein. Woody Allen, Bertolucci, Fellini, 1990er-Filme wie „Clueless“ und „Heathers“. Für Männer lässt sie sich besonders von Stil-Ikonen wie James Dean, Paul, Newman, Alain Delon oder Steve McQueen inspirieren. Das ist eine ganz wichtige Lektion, denn Inspirationen bringen auch dich weiter – und von Stil-Ikonen kann man viele Basic-Looks abschauen. Ein guter Look in der Lederjacke (Marlon Brando), im Blouson (James Dean) oder im Rollkragen-Pullover (Paul Newman). Schau hierzu doch mal weiter in meiner Reihe Style Stalking, wen ich sonst noch vorstelle. Mein Tipp: James Dean, Domenico Gianfrate oder Thimothée Chalamet.

Immer wieder werden ihre aktuellen Kunden zu den bestangezogenen Männern Hollywoods gewählt – und deren Looks gehen im Grunde auf den Geschmack einer einzigen Frau zurück zurück. Ilaria Urbinati versucht erst gar nicht, jeden Star in einen Dior-Anzug zu stecken, nur weil die Marke vielleicht gerade angesagt ist. Viel eher rät sie:

„Each designer has certain men that they’ll dress and certain one’s that they wont. They have their guys and we often do custom.“

Finde also heraus, welche Marken deinem Figurtyp schmeicheln. Zwänge dich nicht in einen Dior-Style, wenn du nicht hierfür den Körper hast. Dior Men schneidert sehr eng und für sehr zarte, jungenhafte Männer. Es nützt nichts, sich als gestandener Mann hierfür herunter zu hungern. Karl Lagerfeld hat dies gemacht. Sein ganzes Leben Cola Light getrunken. Und nun? Schon gestorben.

Ich gehe so weit zu sagen: Wir Männer leben in einer der besten Zeiten für Mode. Wir hatten es noch nie einfacher, mit Mode gut auszusehen. Denn immer mehr Konventionen entfallen und mit ihnen ein Korsett, das Männer in Einheitslooks zwängt. Wir Männer haben es dabei noch einfacher als die Frauen, weil auf uns weniger Druck lastet, wie wir aussehen. Frauen werden (zu) sehr daran gemessen, was sie anhaben. Besonders im Berufsleben ist das manchmal traurig, wenn sich Frauen modisch etwas trauen, aber von Männern sofort dafür in eine Schublade gesteckt werden. Ist die Bluse zu durchsichtig, das Muster zu sehr snake print, das T-Shirt zu busenbetont – dann grüßen plötzlich die Mad Men der 1950er in sonst aufgeschlossenen Berliner Hipster-Männern.

Wenn Ilaria Urbinati mit (oder für) ihren männlichen Klienten in Läden geht, hält sie stets nach interessanten fabrics (Stoffen) Ausschau. Gleiches gilt für ungewöhnliche Farben und „things I haven’t seen when it comes to a suit.“

Das Schwierige am flawless, ist aber ein anderes –less: timeless. Das letzte Wort gehört daher Ilaria Urbanti selbst:

„I do think that men’s styling is a subtle art (feine Kunst). I see guys take it too far and I do think what we specialize in is finding a happy medium where it feels special and it’s different but not a clown show. I want to look back at a look 50 years later and have it still feel timeless.“