Kürzlich habe ich euch den Stylisten Graziano Di Cintio in meiner Rubrik Style Stalking vorgestellt. Daraufhin hat er sich gemeldet und mir ein Interview angeboten. Natürlich habe ich sofort zugesagt, denn der gebürtige Italiener zählt zu den meist fotografierten Männern auf den Männermoden-Fashion-Weeks und arbeitet für große Marken in Mailand und London. Was für ihn ein gutes Outfit auszeichnet, ob man mehrere „laute“ Marken mischen darf und wie er seine Leidenschaft für Mode und Konsum mit dem Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit vereinbart – das erfahrt ihr hier.

Deine Looks zu den Fashion Weeks sind jedes Mal Aufsehen erregend. Trägst du auch im Alltag so auffällige Kleidung?
Graziano Di Cintio: Das werde ich oft gefragt. Ich trage gern Mode auch im Alltag; auch ausgefallenere Teile, die man sonst nicht sehen würde. Zum Beispiel auffällige Prada-Schuhe. Dann gucken mich schon einige Leute irritiert an.

Ich stelle einen sehr großen Sinn für Mode in Deutschland fest.

Manche Stylisten beklagen, wie viele schlecht angezogene Menschen sie auf der Straße sehen…
Da gehöre ich nicht dazu! Interessanter Weise finde ich, dass sich Deutschland mit der jungen Generation sehr stark gewandelt hat. Ich stelle einen sehr großen Sinn für Mode fest. Wenn wir aber über ältere Deutsche sprechen, muss ich meinen Kollegen Recht geben. Bei der Generation Vierzig Plus ist Deutschland nicht Vorreiter, was Geschmack angeht. Da sind die Franzosen und Italiener mit ihren Anzügen besser angezogen. Sie sehen einfach immer herausgeputzter aus.

Woran machst du das fest?
Viele jüngere Männer sind sehr gut angezogen, viele legen Wert auf ihr Aussehen. Ich finde es toll, dass die jungen Leute nicht nur fixiert auf Markenklamotten sind, sondern dass viele gerne auch Second-Hand mit Markenklamotten mischen. Dann haben sie einen coolen Turnschuh, aber die Cordhose ist ein Second-Hand-Stück für zwei Euro.

Heutzutage haben wir diese große Freiheit, extrem tolle modische Sachen für wenig Geld kaufen zu können.

Interview Graziano Di Cintio
Grazianos Styling-Tricks: Auffällige Accessoires, Farbe und Mut zu Muster und Beinfreiheit. Foto-Collage: JO, alle Fotos freundlicherweise von Graziano Di Cintio zur Verfügung gestellt.

Du selber trägt zu den Fashion Weeks große Luxusmarken. Sind das deine eigenen oder Leihstücke?
Das sind meine persönlichen Sachen. Ich habe diesen Spleen: Wenn ich etwas anhabe und es mir gefällt, dann muss ich es besitzen. Ich kann das nicht leihen (lacht). Es ist also alles meins. Natürlich bekomme ich als Stylist durch meine Kontakte Vergünstigungen, aber ich mische auch gern. Ich trage viele Mainstream-Marken gepaart mit Luxus-Artikeln. Heutzutage haben wir diese große Freiheit, extrem tolle modische Sachen für wenig Geld kaufen zu können. Wenn du da ein cooles Teil findest, das du mit einem coolen Schuh kombinieren kannst – why not?!

Ist für dich ein auffälliges Hemd aus einer aktuellen Kollektion dann nach einer Saison verbrannt oder trägst du das länger?
Für mich ist das eine Investition. Ein Prada-Teil geht zum Beispiel nie aus der Mode, Miuccia Prada macht ja selbst aus den alten Kollektionen neue. Sie nimmt alte Drucke und wiederholt sie immer wieder. Ich sehe das somit als Archivstück, das ich nicht weggebe. Auch ein modisches Gucci-Teil mit Blumen und Spitze ist für mich ein Teil, was eigentlich zeitlos ist. Immer wieder trage ich Teile aus alten Kollektionen gern neu kombiniert aktuell.

Mehr dazu: Wie auch du Prada tragen kannst – losgelöst von teuren aktuellen Stücken – verrate ich dir in meinem Blog-Beitrag: How to wear Prada.

Du hast ja wirklich einen Signature-Look entwickelt; Bei bestimmten Kleidungsstücken wie zum Beispiel der Skibrille denke ich sofort an dich. Wie hat sich denn dieser wirklich außergewöhnliche Stil herausgebildet?
Das hat sich über die Jahre Stück für Stück gebildet. Früher war ich sehr klassisch unterwegs und war immer sehr korrekt und schön angezogen, mit Maßanzügen und Einstecktuch. Ich war am Anfang meiner Dreißiger mit Maßanzügen und Einstecktüchern unterwegs… Damals habe ich gesagt: „Der Schuh muss zum Gürtel passen.“ Heute sehe ich das lockerer.

Heute darfst du den braunen Gürtel zu schwarzen Schuhen tragen. Das Tolle an Mode ist die Weiterentwicklung!

Darf man jetzt den braunen Gürtel zu schwarzen Schuhen tragen?
Natürlich. Du darfst auch Nikes zum Anzug tragen. Das Tolle an Mode ist ja die Weiterentwicklung. Und auch wir selber entwickeln uns ja weiter, und plötzlich habe ich neue Marken und Styles kennen gelernt, wodurch dieser Signature-Look herauskam.

Interview Graziano Di Cintio
Spitze, Nylon und kurze Hosen zur Fashion Week: Graziano Di Cintio zeigt Bein. Foto: Graziano Di Cintio

Du trägst auch kurze Hosen zu Fashion Weeks. Das ist ja etwas, was sich viele ältere Männer verbieten, kurze Hosen in der Stadt zu tragen. Auch hier gilt keine Regel mehr?
Stimmt. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste, aber man kann als Mann durchaus mal eine kurze Hose in der Stadt oder zur Fashion Week tragen. Das ist jetzt kein absolutes No-Go. Ich finde aber schon, dass man sich altersgemäß kleiden sollte – im jeweiligen Rahmen. Du kannst ein gewisses Alter haben und dich trotzdem modisch anziehen! Allerdings solltest du immer wissen, was dir steht, was du verkörperst und, ob es altersgerecht ist. Das heißt: Auch ältere Männer können Teile der aktuellen Balenciaga-Kollektion anziehen, die ja eindeutig für ein jüngeres Publikum gemacht sind. Es ist ein Spiel – und letztlich ist der Gradmesser: Fühlst du dich darin wohl, dann go for it!

Mehr zum Thema Altersgerechte Mode findest du in meinem Blog-Beitrag: Männer-Modesünden: Welche Looks lassen dich modern wirken – und welche alt aussehen.

Ich finde, man kann gewisse Sachen weiterhin tragen, aber man sollte sie mischen mit einem Teil, das einen Kontrast bildet. Ich denke da zum Beispiel an ein Mickey-Mouse-T-Shirt, das alleine getragen an mir als Mann über Vierzig komisch aussieht, aber mit einem Sakko wiederum gut funktioniert.
Absolut. Das ist für mich die Quintessenz: Es ist immer eine Frage der Kombination. Es gibt immer wieder diejenigen, die es übertreiben und zum Mickey-Mouse-Shirt die Mickey-Mouse-Schuhe und Mütze tragen. Es ist immer eine Frage der Balance, der Kombination und des Looks quasi. Der 40-Jährige muss es anders kombinieren als der 14-Jährige. Dann werden Looks altersgerecht.

Du stylst Models für tolle Kampagnen, bist Profi in Sachen Styling: Wie gehst du bei der Zusammenstellung eines guten Outfits vor?
Für ein Editorial halte ich mich gern an das Moodboard oder an die Vorgaben des Fotografen. Für mich selbst versuche ich die Balance zwischen den Looks, dass sie altersgerecht sind und mir stehen. Morgens vor dem Kleiderschrank kommt es auf den Anlass an. Für was ziehst du dich an? Fürs Büro, für Freunde, für ein Date? Die Occasion steht immer an erster Stelle. Und dann finde ich, kann man schon variieren – immer mit der Frage: Wie weit kann ich gehen und was wäre doch zu viel?

Interview Graziano Di Cintio
Foto-Collage: alle Rechte von Graziano Di Cintio

Du lässt dich von den Looks der großen Designer inspirieren. Ist das nicht im Grunde ein Klauen?
Nein, das ist ein Inspirieren. Du bringst ja deinen individuellen Teil wiederum in das Outfit rein. Das ist ja auch die Idee der Designer. Kein Designer möchte dir den kompletten Look verkaufen, sondern vielmehr eine Inspiration mitgeben: „Guck mal, du könntest den Mantel so tragen.“

Ein Stück darf gern Marke schreien, aber es sollte in der Balance einen stimmigen Look ergeben.

Immer wieder sehe ich Menschen, die mehrere große Luxusmarken in einem Outfit tragen: Gucci und Louis Vuitton, aber auch Adidas und Nike. Wie siehst du das als Stylist: Kann man machen, oder schreit das zu sehr Fashion-Victim?
Da sind wir wieder bei der Balance, wie man was zusammenträgt. Ich habe keine Probleme damit, Marken zu mischen. Das machen wir im Alltag permanent, das machen auch Editorials permanent. Es sollte aber nicht clownesk oder overloaded aussehen. Für mich heißt das: Ein Stück darf gern Marke schreien, aber es sollte in der Balance einen stimmigen Look ergeben. Ein Look wird erst in der Balance stimmig.

Zwischen manchen Marken gibt es eine direkte Konkurrenz. Die könnten wir deiner Aussage nach trotzdem in einem Outfit zusammen tragen?
Wo sollte man sonst da anfangen? Da können wir ja schon die Basismarken ausklammern. Nein, im Gegenteil, ich finde heutzutage ist das absolut in Ordnung, alles miteinander zu mischen: Low- mit High-Price, und Marke mit Marke.

Im Februar 2020 hat eine Meldung überrascht: Laut Statistischem Bundesamt geben wir Deutschen sogar WENIGER Geld für Mode aus als noch vor 20 Jahren. Klingt nicht nach einem positiven Zukunftsausblick…
Das liegt aus meiner Sicht daran, dass die Mode günstiger geworden ist. Du bekommst ja schon mit 20 Euro ein cooles Outfit. Es liegt also nicht daran, dass wir nicht konsumfreudiger geworden sind, sondern dass Mode günstiger geworden ist für die Masse. Auch Outlets, Black Friday usw. haben dazu eingetragen. Der Deutsche war schon immer ein Sparfuchs, daher weht der Wind, dass weniger an Kleidung ausgegeben wird.

Zum Schluss noch eine wichtige Frage: Ich blogge sowohl über Trends als auch über Nachhaltigkeit und merke dieses Spannungsfeld, wie beides zusammenpasst: Die Lust auf Mode und der Wunsch, den Klimawandel nicht weiter zu verstärken. Wie passt für dich beides zusammen?
Mir ist bewusst, dass die Textilindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer nach der Ölindustrie weltweit ist…

… was viele nicht wissen (hier mehr zum Thema Fast-Fashion-Auswirkungen)…
ja, so gut wie keiner. Es ist traurig, dass es so ist. Auch hier gilt wieder die Balance: Inwieweit unterstütze ich Fast-Fashion und inwieweit kaufe ich woanders? Ich finde Radikalismus nie eine gute Lösung. Wer eine gute Balance beim Shoppen einhält, ist auch fein damit, das Klima zu schonen. Viele große Konzerne tun auch immer mehr für das Thema; recyceln, achten auf den Wasserverbrauch und ihre Produktionsstätten. Wenn mir ein Teil nicht mehr gefällt, bringe ich das in den Umlauf und verschenke es weiter oder spende ich. So kann ich meinen Modekonsum gut mit meinem Gewissen verbinden.

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