Die Berlin Fashion Week ist vorbei – aber wo war eigentlich die Männermode? Im Berliner Modesalon stellte kein einziger Berliner Designer für Männermode aus. Ein schlechtes Zeichen? Und wie kann der Mode-Standort Berlin international mithalten? Ein Interview mit zwei Designerinnen aus der Branche: Kristina Puljan vom Unisex-Label VEKTOR und Natascha von Hirschhausen, beides Sprecherinnen des frisch gegründeten Vereins Berliner Modedesigner*innen.

Frau Puljan, sprechen wir über Männermode in Berlin: Warum plötzlich ein gemeinsamer Verein für 38 Modedesigner aus Berlin?
Kristina Puljan
: Wir haben ihn nicht für 38 Modedesigner gegründet, es waren 38 Gründungsmitglieder. Inzwischen ist die Zahl der Mitglieder gestiegen. Wir sind ein basisdemokratischer Verein von Designern für Designer.

„Berlin war in der Vergangenheit eine Art wilder Westen: Es gab zu viele Designer, die die Ellenbogen ausgefahren haben, weil sie verunsichert waren.“

Was sind Ihre Ziele?
Puljan
: Unsere Ziele sind wirtschaftliche Nachhaltigkeit und eine bessere Visibilität. Um das zu erreichen, wollen wir neue Vertriebsstrukturen erarbeiten, auf politischer Ebene mitwirken und einen Erfahrungsaustausch innerhalb des Vereins fördern.




Man kann sich so gegenseitig unterstützen und im besten Fall sogar die Weichen stellen, für eine sichere Zukunft unserer Designer. Berlin war in der Vergangenheit eine Art wilder Westen: es gab zu viele Designer, die die Ellenbogen ausgefahren haben, weil sie verunsichert waren.

Inwiefern ist die Hauptstadt im Osten denn Wilder Westen?
Puljan: Berlin ist mit der Fashion Week international auf neues Terrain gestoßen. Man hat versucht sich schnell einzugliedern, es gab ein paar schillernde Persönlichkeiten – aber es gab auch ein paar tolle Labels, die plötzlich wieder verschwunden sind. So entstanden Unsicherheiten und viele haben das Vertrauen verloren.

Männermode Berlin Natascha von Hirschhausen
Natascha von Hirschhausen. Foto: Privat

Berlin ist Kreativzentrum – aber das Geld für Mode und die großen Unternehmen sitzen in Düsseldorf. Wie sehen Sie bei dieser ewigen Konkurrenz für Berlin in die Zukunft?
Natascha von Hirschhausen: Das können wir schwer abschätzen, wir haben ja keine Glaskugel. Mit dem neuen Konzept der Neonyt zum Beispiel hoffe ich, dass der nachhaltige Teil noch wichtiger wird und noch mehr die zukunftsgewandten Themen Nachhaltigkeit und FashionTech nach Berlin kommen.

„Die Nische Tech und Nachhaltigkeit wäre   eine echt gute für Berlin.“

Da sehen Sie für Berlin den internationalen Unique Selling Point?
Puljan: Auf jeden Fall. Ohne Nische ist es sehr schwer, sich mit den anderen Standorten zu messen und sich zu behaupten. Es gibt Luxus, es gibt Sportswear – die Nische Tech und Nachhaltigkeit wäre da doch eine echt gute für Berlin.

Der Berliner Modesalon zeigte dieses Jahr gar keine Männermode. Quo vadis Männermode aus Berlin?
Puljan: Nicht alle Berliner Designer, die Männermode machen, zeigen in Berlin. Das ist verrückt – denn Männermode ist momentan der wachsende Markt und wächst sogar schneller als der Markt für Frauenmode. Dennoch muss man an dieser Stelle auch deutlich sagen, dass Berlin nicht automatisch der richtige Markt für alle Berliner Designer ist.

„Spätestens seit Instagram weiß jeder auf dem Sofa, was der neueste Trend ist.“

Der wachsende Männermode-Sektor ist aber eine internationale Entwicklung, die stark vom asiatischen Markt angestoßen wird, und keine rein deutsche…
Puljan: Es gibt eine internationale Entwicklung und wir sind ja zunehmend globalisierter. Spätestens seit Instagram weiß jeder auf dem Sofa, was der neueste Trend ist. Die Menschen sind gut vernetzt. Ich sehe es auch selbst an meinen Verkaufszahlen: Dass die Verkäufe bei den Männern zunehmen – bei den deutschen Männern. Und auch bei den Unisex-Produkten.

Sie sprachen Instagram an: Hier tragen ja viele Instagramer leider doch oft dieselben Sachen der großen Fast-Fashion-Marken. Haben Berliner Designer ein PR-Problem?
Puljan: Ich kann das nur für mich beantworten: Es ist eine schwierige Sache mit Bloggern und Influencern zu arbeiten. Es gibt einfach zu viele Unsicherheiten.
Hirschhausen: Auch die Instagramer professionalisieren sich ja und machen Kooperationen am liebsten bezahlt. Berliner Designer fangen aber oft an, aus der eigenen Tasche Kollektionen zu entwerfen und können sich da an der Stelle schwer gegenüber den größeren Firmen behaupten.

Welche Designer könnten wir denn mal in unserer Rubrik „Made in Berlin“ vorstellen?
Puljan: Am lautesten international kommuniziert wird zur Zeit wohl GmbH.

Die machen ja auch Unisex und sind ein Geheimtipp aus den großen Fashion-Magazinen…
Puljan: Ein Label wie GmbH hat als Brücke zwischen den Deutschen und den Internationalen Labels lange Zeit gefehlt. Sie orientieren sich gendermäßig in eine ähnliche Richtung Vetements und Pyer Moss. Sie sind authentisch, hochwertig und international verständlich! Das ist enorm wichtig heutzutage. Dass der Kunden schnell das Image der Mode kapiert – sonst ist sie nicht zugänglich.

Unisex ist ein starker Laufsteg-Trend, dennoch scheuen sich viele Männer, mal bei ihren Freundinnen im Schrank zu wildern. Was können Männer wie Frauen gut unisex tragen?
Pujan: Das habe ich auch beobachtet. Bei den Frauen ist es viel selbstverständlicher, in die Männerabteilung zu gehen als andersrum.

„Männer haben oft Angst, falsch wahrgenommen zu werden, sie gehen modisch nicht gerne Risiken ein.“

Der Boyfriend-Style ist ja bei Frauen schwer angesagt…
Puljan: Genau. Und andersrum ist es oft schwierig. Männer muss man  mehr an die Hand nehmen, wenn sie nicht gerade etwas kaufen, was sie eh schon fünfmal in ähnlicher Art im Schrank haben.

Männermode Berlin
Warum hier nur ein Berlin-Foto ist, steht unten. Foto: Unsplash, Daniel Brosch

Wir Männer sind pragmatisch: Never change a running system…
Puljan: Ich weiß nicht, ob es Pragmatismus oder Angst ist. Männer haben oft Angst, falsch wahrgenommen zu werden, sie gehen modisch nicht gerne Risiken ein.

Eine interessante These…
Ich habe zum Beispiel ganz lange Unisex Hemdblusen-Kleider, die an Männern wunderbar aussehen.

Was sind noch zwei weitere Beispiele für den androgyneren Männer-Style?
Männer müssen meiner Meinung nach nichts von Frauen übernehmen. Ich glaube, beide Geschlechter können sich eher in der Mitte treffen. Nicht ein Kleidungsstück per se übernehmen, eher Details.

Und welche?
Zum Beispiel Taillenschnürung. Das sehe ich gern an Männern.

Man muss nur als Mann die Taille haben…
Muss man nicht. Das Oberteil kann auch ein verwantes Volumen haben. Auch Palazzo-Hosen finde ich großartig an Männern…

Sie meinen die ganz weit geschnittenen Hosen…
Und dann ein gutes Crew-Neck-T-Shirt, ein ganz simples und eine schöne Jacke, zum Beispiel Jeans, dazu. Perfekt!

„Ich wünsche mir bei Männern mehr Mut, auch mal aus dem Einheitslook heraus zu treten, um seine eigene Persönlichkeit zu unterstreichen.“

Für die Palazzo-Hose muss man aber als Mann groß und schlank sein und darf keinen Bauch haben. Der ist bei dem Look dann im Weg.
Muss nicht, kann aber. Menschen sind, Gott sei dank, vielfältig und jeder Körper kann gut eingekleidet werden. Ich sehe nicht zwingend Schwierigkeiten für einen Mann mit Bauch eine Palazzohose zu tragen. Im Endeffekt ist es immer so, dass nicht jedes Kleidungstück für jeden Menschen gleichermaßen funktioniert. Trotzdem wünsche ich mir mehr Mut, auch mal aus dem Einheitslook heraus zu treten, um seine eigene Persönlichkeit zu unterstreichen.

Das heißt also, Sie sehen positiv für die Männermode und für den Unisex-Style in die Zukunft?
Auf jeden Fall. Es ist nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, dass der Modesalon dieses Jahr keine Männermode gezeigt hat. Auch in Deutschland ist Männermode definitiv im Aufwind.

Anmerkungen zum Interview:

  • Leider seht ihr hier kein Foto von Kristina Puljan und keine Beispiele ihres Modelabels. Ich habe sie mehrmals darum gebeten,  aber weder auf meine E-Mails noch auf direkte SMS und Anrufversuche in den vergangenen Wochen eine Antwort bekommen.
  • Das wichtige Interview über die Zukunft der Männermode aus Berlin wollte ich euch dennoch nicht vorenthalten.
  • Die Pressearbeit des Vereins Berliner Modedesigner*innen finde ich allerdings: enttäuschend. Ich hoffe sehr, dass dies keine Geringschätzung gegenüber Bloggern ist, die sich für den Modestandort Berlin engagieren. Denn das ist für mich ein wichtiges Ziel in meiner Berichterstattung als Blogger und entspricht doch auch dem Ziel des Vereins.