Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, sagt der Volksmund. Aber muss ich nicht auch einem Freund ehrlich sagen, wenn er beim Outfit daneben gegriffen hat? Und darf ich nicht als Lebenspartner, Vater oder Chef unpassende Kleidung beanstanden? Die Stilfrage im Stil der  Gewissensfrage mit Dr. Rainer Erlinger aus dem SZ-Magazin – die neue Rubrik jetzt auf Style Statements.

Dieser Facebook-Kommentar unter meinem Outfit-Post hatte es in sich: In deutlichen Worten schrieb ein User da:

„Also ich finde das sieht richtig sch***** aus.“

Ich hatte es auch provoziert: eine geblümte Stoffhose aus London für das Outfit gewählt und unter dem Bild mutig-naiv zum Feedback aufgefordert. „Wie gefallen dir florale Prints?“ Die Antwort kam prompt. Gar nicht. Scheiße. Igitt!

Florale Muster sind ein starker Trend für Frühling 2018 – auch in der Männermode: Die Hose habe ich in London gekauft und die schöne Lederjacke im Internet geshoppt. Gerade lese ich mit großer Begeisterung Iris Apfels Biographie „Accidental Icon“. Einen ihrer wichtigsten Stylingstipps greife ich hier auf: „Style is not about wearing expensive clothes. It’s not what you wear – but how you wear it.“ Es kommt beim Style also nicht auf teure Labels und große Namen an – trage, was dir gefällt. Das kann wie hier eine Hose von Topman sein und eine Lederjacke von Mango Men. Wichtig ist, was du draus machst. Nicht, was auf dem Etikett steht. Und danke an @scenesfromnature für das tolle Shooting. [unbezahlte Werbung, da Produkt-Verlinkungen] . . . #frühlingsoutfit #floralemuster #lederjacke #irisapfel #ootd #ootdmen #outfitpost #fashionblogger #modeblogger #mensweardaily #germanblogger #styleoftheday #mensfashion #mensfashionblog #urbanstyle #outfitinspiration #mensweardaily #mensblog #menstyle #instastyle #instafashion #stylestatement #stylestatements #styleinspiration #styleblog #styleblogger #fashionblogger #mensfashionblogger_de #berlinblogger @ootdmen @the.style.of.men @mens.lifestyle.ig @spine.style @streetfashions @bestofstreetstyled @streetstyleguys @pauseshots

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Ein solch vereinzelter vulgärer Kommentar ist natürlich – wie es der Volksmund ebenfalls so schön sagt – ein „höchst arschiges Verhalten“. Der Facebook-Nutzer hat meine Seite inzwischen verlassen – hinterlassen hat er aber die durchaus berechtigte Frage:

Darf ich die Kleidung eines anderen kritisieren?

Was ist zum Beispiel mit der Freundin, die mit einem völlig unpassenden Hut auf eine Party gehen will? Dies ist der zweite Vorfall, den mir eine Bekannte erzählt hat, deren Begleiterin wiederum das dann offen monierte – und einen Tobsuchtsanfall bekam. „Wie kannst du nur?!“

Beide Fälle haben gemeinsam, dass wir beim Thema Stil schnell beim persönlichen Geschmack ankommen – der ist nicht nur höchst verschieden – eben individuell, sondern ebenfalls stets sehr, sehr intim. Mit unserer Kleidung kehren wir unser Innerstes nach außen: Wie wir uns fühlen, wie wir uns selbst sehen. Ihn zu kritisieren heißt folglich, den Charakter einer Person zu kritisieren. Deswegen auch der Satz „Über Geschmack lässt sich NICHT streiten“. Das bestätigt auch der Redensarten-Index: Geschmack ist höchst subjektiv und insofern mit rationalen Argumenten nie zu überzeugen. Er geht auf das lateinische „De gustibus non est disputandum“ zurück. Dieser Satz stammt übrigens nicht von den Lateinern, sondern von einem Franzosen, wie Wikipedia informiert. Hier heißt es:

Meist wird diese Aussage so verstanden, dass niemand rational beweisen kann, dass ein bestimmtes Geschmacksempfinden das richtige sei. Anders gesagt: In Geschmacksfragen kann es kein „richtig“ oder „falsch“ geben; sie liegen jenseits aller Beweisbarkeit.

Wer also den Stil eines anderen kritisieren möchte, sollte innehalten und sich selbstkritisch fragen: Steht mir ein Urteil zu? Bin ich ein selbst ernannter oder wirklicher Modepapst? Falls Ersteres, gilt:

Du lebst entspannter, wenn Du gewisse Dinge NICHT sagst.

Eine Lebensweisheit, die man(n) von älteren Menschen durchaus getrost übernehmen kann. Sie schont den Blutdruck. Das Bauchgefühl allein reicht eben nicht zum Herummäkeln.

Stilfrage Darf ich die Kleidung eines anderen kritisieren
Wer Kritik üben will, sollte erst mal innehalten: Steht mir ein Urteil zu? Foto: istock, g-stockstudios

Falls Letzteres: Wenn du Ahnung von Mode hast, von Passformen, Farbwirkung und Proportionen, kannst du natürlich Feedback geben. Aber die Person muss offen für dein Feedback sein, sonst wird der „Ratschlag“ in der Tat nur als „Schlag“ empfunden. So bei der besagten Freundin mit dem Hut, die ein Kompliment und keine Kritik hören wollte. Richtig Feedback zu geben, ist die Kunst. Wie das geht, steht hier.

Wenn wir Kritik üben, ist die Kleidung in ein Viertel aller Fälle der Anlass, verrät die Seite Stil-Knigge.

Wir Deutschen können schlecht konstruktive Kritik üben: Wenn wir das machen, ist die Kleidung in ein Viertel aller Fälle der Anlass, verrät die Seite Stil-Knigge. Wir kritisieren das schludrige Outfit unseres Partners, den zu kurzen Rock unserer Tochter für die Schule oder die unpassende Kleidung unseres Angestellten zum Kunden-Termin. Alles doch berechtigte Momente, den Stil des anderen zu kritisieren?! Zwar nicht als Modepapst, sehr wohl aber als Lebenspartner, Vater oder Chef?!

Zur Frage des Partner-Looks hat das SZ-Magazin die Antwort: Denn übereifrige Freundinnen ziehen gern ihren Freund an, der ja so gar kein Stil-Empfinden hat. Doch das ist ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht eines anderen Menschen. Hier lohnt die Frage in umgekehrte Richtung:

Möchtest du, dass dein Partner DICH anzieht?

Am Ende bleibt der Subtext: „Ich bin nicht zufrieden mit dir“ – das Potenzial für einen handfesten Streit. Somit sind wir bei der Ausgangsfrage angelangt: Darf ich den Stil eines anderen kritisieren? Nein, denn will ich in meinem Stil kritisiert werden? Wohl ebenfalls nein.

Und wie sieht es als Chef aus? Hier gibt das Arbeitsrecht klare Vorgaben, wie die Blogger-Kollegen von Karrierebibel schreiben: Wenn Mitarbeiter Arbeitskleidung (Uniformen) tragen müssen: eindeutig ja. Wenn Mitarbeiter Kundenkontakt haben, gilt auch hier: ja, denn Arbeitgeber haben ein Weisungsrecht. Sie dürfen somit durchaus vorschreiben, dass Männer auch im Sommer auf kurze Hosen im Büro verzichten müssen, während Frauen im Sommerkleid erscheinen dürfen.

Arbeitgeber müssen hier aber mit dem Protest auf diese Ungleichbehandlung rechnen: Es häufen sich die Fälle von Männern, die aus Protest im Kleid auf der Arbeit erscheinen. Wie zum Beispiel diese französischen Busfahrer hier:

Das Weisungsrecht von Chefs hat natürlich auch Grenzen. So können Arbeitgeber nicht die Farbe der Unterwäsche ihrer Mitarbeiter diktieren. Bleibt noch das Beispiel der Tochter und ihres kurzen Rockes offen. Die Psychologin Elisabeth Raffauf hat hier in der Süddeutschen Zeitung Eltern einen guten Dreiklang als Tipp gegeben:

  1. Rede mit deiner Tochter, warum sie diesen kurzen Rock tragen möchte.
  2. Erkläre deine Bedenken, warum sie es lieber lassen sollte
  3. Und frage dich selbst ehrlich zurück: Warum du dich über diese Kleidung selbst so aufregst. Vielleicht auch weil deine Jugend vorbei ist?

Diese selbstkritische Frage schließt somit den Kreis. Darf ich den Stil eines anderen aus lauter freier Meinungsäußerung in unserem Land kritisieren? Warum solltest du? Zur freien Meinungsäußerung gehört auch die Freiheit der Kleidungswahl. Und diese toppt für mich am Ende die Kommentar-Äußerung.

Was ist deine Stil-Frage? Was interessiert dich? Was möchtest du mal mit Hilfe eines Experten beantwortet bekommen? Schreib es mir gern ins Kommentarfeld, oder eine Mail oder eine Nachricht auf Instagram oder Facebook. Ich freu mich auf deine Antwort.